Aggregat7 : 99% aller Deutschen sind irrelevant

Aggregat7 : 99% aller Deutschen sind irrelevant.

99% aller Deutschen sind irrelevant. Und werden es auch immer bleiben. Jedenfalls nach den Relevanzkriterien der deutschen Wikipedia. Das wird in der Wikipedia mit einem hürdenspringenden Hauskaninchen illustriert, mit der Bildunterschrift: “Für über 99 % der Bevölkerung unüberwindbar: Die Relevanzhürde.”

Vermutlich sind es sogar mehr als 99,9%, ginge es nach den Relevanzkriterien.

Außerdem sind auch 99% aller Unternehmen, Vereine, Organisationen, Schulen, Kulturerzeugnisse und Produkte irrelevant. Aus Sicht der Wikipedia jedenfalls.

Die deutschen Relevanzkriterien

In der deutschen Wikipedia ist nur das relevant, wovon nachgewiesen werden kann, dass es auch außerhalb des Internets irgendwie berühmt oder wichtig ist oder irgendwann einmal bedeutend war, alles andere muss damit rechnen, jederzeit gelöscht zu werden, unabhängig von der Qualität des Artikels, oder ob es Millionen Menschen außerhalb der Wikipedia für relevant halten. Doch auch was die Relevanzkriterien erfüllt, kann jederzeit für irrelevant erklärt werden, wenn sich ein entsprechender Mob in der Wikipedia zusammenfindet, wie viele Beispiele zeigen.

Theoretisch wird die Relevanz von Personen festgemacht an der Nennung in biographischen Nachschlagewerken, Medienberichten, Orden, Preisen oder der Namensgeberschaft für Straßen. Es gilt aber auch die namentliche Nennung im Verfassungsschutzbericht. Oder in einer hundert Jahre alten Enzyklopädie.

Bei Medienberichten gilt in der Praxis offenbar: Erwähnungen im Internet sind für die Relevanz weniger bedeutend als in allen anderen Medien. Blogs und Webseiten von Unternehmen zählen praktisch gar nicht, sie sind grundsätzlich bis zum Beweis des Gegenteils irrelevant, und nur im Internet ausgestrahlte Audio- oder Videosendungen werden ebenso nicht ernstgenommen. Zehn Millionen Videoabrufe und ein paar tausend Videos auf Youtube über eine Person zählen gar nichts, wie das Beispiel “Techno Viking” zeigt. Hundert Zuschauer auf einem obskuren Kabel- oder Satellitensender dagegen können ausreichen, um Relevanz zu begründen.

Volksvertreter sind erst ab einem Landtagsabgeordneten aufwärts relevant, auf kommunaler Ebene nur Bürgermeister größerer Kommunen und Landräte. Wer sich sein Leben lang in einem Kommunalparlament den Hintern aufreißt, ist irrelevant. Für die meisten Deutschen dürften aber auch fast alle Landtags- und Bundestagsabgeordneten irrelevant sein – wer außerhalb des Politikbetriebs kennt schon mehr als die Namen von zehn einfachen Bundestagsabgeordneten, geschweige denn von Landtagsabgeordneten aus einem anderen Bundesland.

Als Religionsstifter sollte man 200.000 Anhänger haben, um für die deutsche Wikipedia relevant zu sein, als Katholik genügt es, selig- oder heiliggesprochen zu sein. Normale Priester sind irrelevant. Religiöse Gruppen sind relevant, wenn sie der katholischen Kirche angehören und anerkannt sind, egal ob sie nur 20 Mitglieder haben. Nichtkatholische religiöse Gruppen brauchen aber 200.000 Mitglieder, um relevant zu sein.

Als Wissenschaftler reicht eine Professur für die Relevanz, aber keine Juniorprofessur. Juniorprofessoren sind irrelevant. Nichtprofessoren können Relevanz erlangen, wenn sie einen anerkannten Wissenschaftspreis bekommen, eine Hochschule leiten, international anerkannt oder Namensgeber für Spezies oder Naturgesetze sind.

Fast alle Forschungsprojekte aber sind irrelevant, es sein denn, sie dauern über 10 Jahre oder haben uns so etwas wie die Atombombe oder die Mondlandung beschert.

Die meisten Schulen sind ebenfalls irrelevant, es sei denn, die Geschwister Scholl haben da Flugblätter verteilt oder es ist dort irgendetwas anderes Besonderes passiert.

Alltagsgegenstände sind grundsätzlich irrelevant, außer, sie sind relevant.

Bundesbehörden sind grundsätzlich relevant. Behörden von Bundesländern nicht.

Studentenverbindungen sind in der Regel nicht relevant.

Vereine, Verbände und Bürgerinitiativen sind immerhin dann relevant, wenn sie entweder besonders medial in Erscheinung getreten sind, oder “signifikante” Mitgliederzahlen haben, oder überregional oder besonders traditionsreich sind.

Sportvereine sind in der Regel nur relevant, wenn sie eine Profimannschaft in der höchsten Spielklasse haben, außer, es handelt sich um deutsche Fußballvereine. Diese sind bis auf die Regionalligen runter relevant, auch die Gauligisten der Spielzeit 1944/45, die nach wenigen Spieltagen zum Erliegen kam. Tausende heutiger Amateurvereine mit Millionen von Sportlern dagegen sind irrelevant.

Unternehmen sind grundsätzlich irrelevant, es sei denn, sie sind groß genug: 1000 Vollzeitmitarbeiter oder 20 Niederlassungen oder 100 Millionen Euro Umsatz. Ach ja, in Ausnahmen kann auch noch eine “marktbeherrschende Stellung” oder “innovative Vorreiterrolle” eine Relevanz begründen. Staatsauftrag geht auch: Monopolisten, Stadtwerke und ähnliches sind immer relevant.

Ebenso wie Banken – die sind auch immer relevant.

Kraftfahrzeughersteller sind relevant, wenn sie ihre Produkte selbst vermarkten.

Krankenhäuser sind grundsätzlich irrelevant, es sei denn, sie haben besondere Bedeutung. Krankenkassen dagegen sind grundsätzlich relevant.

Musikalben sind in Deutschland grundsätzlich irrelevant, auch die von relevanten Musikern.

Messen sind grundsätzlich irrelevant, es sein denn, sie sind groß. (50.000 Besucher oder 1000 Aussteller)

Verlage sind grundsätzlich irrelevant, es sei denn, sie haben genug relevante Bücher rausgebracht.

Rundfunksender dagegen sind grundsätzlich relevant, wenn sie terrestrisch, über Kabel oder Satellit ausgestrahlt werden. Internetsender sind genauso relevant wie eine normale Website – in der Regel also gar nicht.

Fernsehserien sind relevant, wenn sie mindestens 12 Teile haben und wöchentlich ausgestrahlt werden, Daily Soaps brauchen 32 Teile, um relevant zu sein.

Weingüter sind relevant, wenn sie prämiert sind.

Berufsfeuerwehren sind relevant, freiwillige Feuerwehren nicht.

Geographische Objekte wie Berge, Hügel, Gewässer, Inseln, Landschaften, und Siedlungen (Städte, Dörfer, Weiler, Ortsteile) sind grundsätzlich relevant, immerhin. Das hindert aber niemanden an einem erfolgreichen Löschantrag.

Filme sind nur relevant, wenn sie im Kino, auf einem Filmfestival, auf DVD oder im Fernsehen veröffentlicht wurden. Internet gilt auch hier nicht.

Mobiltelefone sind relevant, wenn es sich um Massenware handelt oder um eine besondere Innovation.

Zeitungen sind nur relevant, wenn sie eine Vollredaktion oder eine Auflage von 50.000 Exemplaren haben.

Dafür ist jedes gebaute Flugzeugmuster relevant, unter Umständen auch nicht gebaute Flugzeugmuster. Alle offiziellen Fluggesellschaften und alle offiziellen Flugplätze sind auch relevant, selbst wenn es sich nur um eine Wiese handelt.

Lokomotivbaureihen sind relevant, Bahnhöfe und Zuglinien sind irrelevant.

Handelsschiffe sind nur als Bauserienartikel relevant. Kriegsschiffe sind grundsätzlich relevant.

Das vordigitale Menschen- und Gesellschaftbild der Wikipedianer

So viel zum kurzen Streifzug durch die Relevanzkriterien der deutschen Wikipedia. Ein gut gemeinter, aber ziemlich armseliger Versuch, Regeln aufzustellen, mit denen die Menschen und die Welt in relevant und irrelevant aufgeteilt werden sollen.

Wie man an dem kurzen Exkurs sehen kann, sind die Kriterien an vielen Stellen willkürlich gesetzt und realitätsfern, etwa die Schwellwerte für die Relevanz von Unternehmen. Und dass Krankenkassen relevanter als Krankenhäuser und Berufsfeuerwehren relevanter als freiwillige Feuerwehren sein sollen, ist einfach nur pervers und menschenverachtend.

Man könnte glatt den Eindruck bekommen, dass die Wikipedia von pensionierten Beamten übernommen wurde. Vielleicht steckt aber auch in vielen Deutschen, die das hiesige Bildungssystem durchlaufen haben und von Beamten ausgebildet wurden, im Kern ein preußischer Beamter.

Obwohl die Wikipedia ein Internetphänomen ist, offenbart sie als Organisation insbesondere mit ihren Relevanzkriterien und ihrem Selbstverständnis ein vordigitales Menschen- und Gesellschaftsbild, das so in weiten Teilen der Bevölkerung längst keinen Bestand mehr hat.

Insbesondere ist die Geringschätzung bis hin zur Verachtung des Internets durch die Wikipedia äußerst bemerkenswert. Dem gegenüber steht eine Anbetung der alten Medien, die längst nicht mehr gerechtfertigt ist.

Hier zeigt sich vermutlich eine Art von Minderwertigkeitskomplex und der Wunsch, von den “Alten” ernstgenommen zu werden. Vielleicht haben auch viele Wikipedianer ein unausgesprochenes Problem damit, nach ihren eigenen Kriterien nicht “relevant” zu sein.

Die deutsche Wikipedia macht seit Jahren den Eindruck einer reaktionären, der Entwicklung der Informationsgesellschaft entgegenwirkenden Gemeinschaft, die sich immer mehr einigelt, wenig kritikfähig und vor allem nicht reformfähig ist. Sie entspricht jedenfalls in meiner Wahrnehmung keinesfalls den heiligen Prinzipien von Jimbo Wales.

Erklärtes Ziel der Wikipedia

Grundsätzlich ist das erklärte Ziel, “eine Enzyklopädie von bestmöglicher Qualität zu schaffen”. Das Wort “Enzyklopädie” steht dabei für die Darstellung der Gesamtheit des Wissens.

Zitat aus dem WP-Artikel über Wissen: “Wissensgeschichtlich gibt es kein Wissen an und für sich, „sondern wird von Gesellschaften immer nur zur Bewältigung ihrer jeweiligen Realitäten hergestellt und angewandt.“

Und weiter: „Durch die Hervorhebung der Kontexte jeglicher Wissensproduktion lässt sich nicht mehr zwischen wahrem Wissen und falscher Meinung unterscheiden, da Überzeugungen, die in einem Kontext als Wissen gelten, in einem anderen als Unfug abgetan werden können, ohne dass sich letztgültig entscheiden ließe, welcher Kontext den ‚richtigen’ Standpunkt begründet.“

Wie möchte die Wikipedia nun diesem unmöglichen Ziel, in bestmöglicher Qualität die Gesamtheit des Wissen darzustellen, in der Praxis nahe kommen?

Zunächst durch offizielle Eingrenzung der Ziele. Darüber hinaus gibt es vielfältige inoffizielle Vorstellungen von Wikipedianern, was die Wikipedia alles nicht ist. Oberflächlich betrachtet sieht das für mich so aus, dass man eine “Gesamtheit des Wissens” dadurch definiert, indem jeder erst einmal auschließt, was ihm nicht passt.

Etwas positiver ausgedrückt: Es sollen Informationen über ausschließlich “bekannte” und “relevante” Sachverhalte gesammelt werden, und von einem “neutralen Standpunkt” aus dargestellt werden.

Wikipedia soll offenbar eine Sekundärquelle sein, die eigentlich keine Primärinformationen enthalten soll. Doch ist das sinnvoll und durchzuhalten? Muss man eine nützliche Information löschen, weil sie etwa von einem Augenzeugen, Beteiligten oder Sachverständigen direkt ins Wiki eingebracht wurde, statt sie zuvor anderswo zu veröffentlichen? Wäre es nicht sinnvoller, derartige Informationen einfach als solche zu kennzeichnen? Ich denke nicht, dass die Schreiber anderer Enzyklopädien für jeden Satz in der Lage sind, eine Quelle anzubringen. In der Regel findet man bei den meisten Begriffen in anderen Enzyklopädien ja überhaupt keine Quellenangaben.

Vielleicht ist die Wikipedia der unmöglichen Aufgabe, “eine Enzyklopädie von bestmöglicher Qualität zu schaffen”, so einfach nicht gewachsen. Bei dem bestehenden linearen Wachstum rückt ein solches Ziel auch immer weiter in die Ferne. Und das liegt auch an der Organistion, der Technik und dem vorherrschenden Mindset der Wikipedianer. Ob die Gemeinschaft aber in der Lage ist, sich radikal zu reformieren, ist derzeit sehr fraglich. Da bedarf es vermutlich erst einer schweren Krise. 

Inkludisten und Exkludisten

Die Exkludisten wollen den Wert und den Nutzen der Wikipedia steigern, indem sie auf Qualität und Ausschluss setzen. Sie wollen die Wikipedia im wahrsten Sinne zu einem exklusiven Gut machen.

Die Inkludisten wollen stattdessen durch möglichst viel Informationsfülle und Wachstum überzeugen. Masse statt Klasse, ist der Vorwurf.

Beide Gruppen von Wikipedianern wollen sicher nur das Beste für die Wikipedia, und engagieren sich mit hoher Intensität und großem Einsatz an Lebenszeit und Nerven für die Sache.

Und beide Gruppen haben anscheinend gute Argumente. Eine Enzyklopädie, die überwiegend nutzlosen Müll enthält, ist sicher nicht gut.

Eine Enzyklopädie aber, die ohne Not 99% der Realität als “irrelevant” ausschließt, läuft in einer sich dynamisch wandelnden Welt Gefahr, ebenfalls schnell irrelevant werden.

Argumentativ werden meiner Meinung nach auf beiden Seiten Strohmänner aufgebaut und so getan, als ob den Inkludisten die Qualität egal wäre, und die Exkludisten die Wikipedia klein halten wollen. Beides halte ich für eine unzutreffende Unterstellung.

Unter dem Strich betrachtet halte ich aber die Argumente der Exkludisten für nicht haltbar. Sie treffen nämlich nur dann zu, wenn man keine Phantasie und keinen Willen hat, die Frage der Relevanz anders als mit Löschung zu beantworten. Schließlich geht es nicht um Kinderpornographie. Oder nur ganz selten.

Es gäbe unzählige Möglichkeiten, das Qualitätsproblem auf andere Art zu lösen, etwa über eine Bewertung, Kategorisierung der Artikel durch die Nutzer und eine entsprechende Präsentation. Ansatzweise wird das ja auch praktiziert, wenn auch mit ziemlich archaischen Methoden.

Der totalitäre Löschansatz der Exkludisten ähnelt hingegen dem Versuch vieler Medienkonzerne im Internetzeitalter, die ”Werte” schaffen wollen, indem sie die digitale Allmende durch künstliche Verknappung mittels Monopolrechten bekämpfen. Die Exkludisten verhindern das Kopieren und Verbreiten bestimmter Informationen einfach durch Löschung.

Das Ganze ist auch kein rein deutsches Problem, die amerikanische Wikipedia hat sogar explizit Exkludisten– und Inkludistengemeinschaften organisiert, die sich quasi innerhalb der Wikipedia bekämpfen.

Wenn sich die Wikipedia-Gemeinde hier nicht zusammenrauft und eine konstruktive Lösung findet, die Qualität und Vielfalt sichert, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie selbst irrelevant wird, auch wenn sie kaum Gefahr läuft, in absehbarer Zeit vollständig zu verschwinden.

Doch es gibt viele Beispiele, wie ehemalige Pfeiler des Internets auf die hinteren Plätze zurückgedrängt wurden, etwa das “Usenet” oder IRC, die zwar noch immer leben, aber von weniger als 1% der Internetuser genutzt werden.

So kann es auch der Wikipedia ergehen. Google etwa könnte etwas mit besserem User-Interface herausbringen, das sich die bisherigen Artikel einverleibt, mit anderen Informationen kombiniert und den Leuten, die mitarbeiten, auch noch materielle Anreize bietet. Oder einer der vielen “Wikipedia-Klone”, auf die so herabgesehen wird, startet plötzlich durch. Einige der “Klone” bieten nämlich durchaus echten Mehrwert.

Wachstumsquote rückläufig

Im Prinzip hat sich die Wikipedia in den letzten Jahren nicht substanziell weiterentwickelt, sie ist im wesentlichen gewachsen, aber das seit Jahren nur mit einem linearen Zuwachs von 400 bis 500 neuen Artikeln/Tag. Das ist zwar beeindruckend, doch das Wachstum hat vermutlich seinen Höhepunkt bereits überschritten, die Wikipedia ihre besten Tage vielleicht hinter sich. Das relative Wachstum in Prozenten ausgedrückt ist jedenfalls klar rückläufig. Das sieht immer weniger nach einer nachhaltigen Erfolgsgeschichte aus.

Die Zahl von nicht ganz 1 Mio. Lemmata in der deutschen Wikipedia ist sehr mager im Vergleich zur Welt da draußen. In Deutschland allein sind über 80 Millionen de-Domains registriert, es gibt 3 Mio. Unternehmen, 600.000 Vereine, viele Millionen Orte, und hunderte Millionen materieller und immaterieller Schöpfungen, die über kurz oder lang Eingang finden könnten. Nicht einfach als Verzeichnis von Dingen, das bringt in der Tat nichts. Aber alles hat eine Geschichte, einen Kontext, verschiedene Bedeutungen und wird ganz unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. Auch, was die Relevanz betrifft! Die Substanz all dieses Wissens über Menschen, Orte und Dinge zu sammeln, zu ordnen, zu gewichten, zu bewahren und zugänglich zu machen, das ist ja eigentlich die selbstgestellte Aufgabe der Wikipedia, die die Beteiligten aus vielen Gründen offenbar scheuen und sich daher alle möglichen Gründe einfallen lassen, um ihr nicht gerecht werden zu müssen.

Wenn dann in einiger Zeit die Wachstumskurve der Wikipedia in absoluten Zahlen eine negative Krümmung bekommen wird, was wird dann? Wacht die Gemeinschaft dann endlich auf?

Persönliches

Ich nutze die deutsche und die englische Wikipedia seit 2004 fast täglich. Ich habe sicher viele tausend Artikel gelesen, vielleicht sogar einige zehntausend. Gelegentlich korrigiere ich kleine Fehler, da macht es mir nichts aus, wenn die anschließend wieder eingebaut werden, da ich das nicht nachhalte. Das Verfassen von Artikeln habe ich wie viele andere vor Jahren eingestellt, da ich die notwendige Zeit, Mühe und Demut nicht aufbringen konnte und wollte. Auch wenn keiner meiner Artikel gelöscht wurde, war mir die Zeit zu schade, mich ständig gegen einen Mob von fachfremden Besserwissern zu verteidigen. Dazu kam das Gefühl von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein gegenüber gesichtslosen Admins, die oft genug mit einem unangemessenen Maß an Arroganz auftreten, vermutlich, weil sie selbst genervt sind, übermenschlich viel Zeit, Energie und Herzensblut da reinzustecken, aber sehr selten mal ein Dankeschön dafür zu hören zu bekommen. Stattdessen werden sie umso öfter angefeindet. Dafür kann ich aber nichts.

Ich würde mir wünschen, dass die Wikipedia die Kurve kriegt. Dieser Artikel ist auch der Versuch, eine Diskussion in Gang zu setzen, ob die Wikipedianer nicht grundsätzlich ihre Rolle und ihre Ziele in einer Welt überdenken sollten, die sich seit der Gründung der Wikipedia stärker gewandelt hat, als viele wahrhaben wollen. Vor allem die Geringschätzung des Internets allgemein und insbesondere von Blogs als Quelle und Meinungsbildner ist einfach nicht mehr zeitgemäss. Und das Thema “Relevanz” an alten medialen und gesellschaftlichen Strukturen aufzuhängen, die sich in Auflösung befinden und einer neuen Pluralität Platz machen, ist gerade für die Wikipedia besonders traurig.

Anhang: Zitate aus der Wikipedia zum Thema Relevanz

Und weil die Wikipedia eine so schöne Quelle ist, möchte ich hier einige Stellen aus dem Hauptartikelraum zum Thema Relevanz zitieren, die sich der eine oder andere Exkludist einmal zu Gemüte führen sollte:

“Was in einem Kontext relevant ist, kann in einem anderen also unwichtig sein. Bedeutsamkeit ist individuell und subjektiv deutlich unterschiedlich.”

“Die Bedeutsamkeit ist immer eine Quantifizierung, also ein einzelner Wert, der allerdings kaum objektiv messbar ist.”

“Ist dies nicht möglich, so wird die Bewertung mehr oder weniger intuitiv, bzw. basierend auf Weltwissen, Lebenserfahrung und persönlichen Beziehungen und Neigungen durchgeführt, was eine subjektive Methode der Bemessung ist.”

“Was für einen Menschen sehr wichtig erscheinen mag, ist für den anderen eher unwichtig und uninteressant.”

“Oft erkennt man die Bedeutsamkeit (Wichtigkeit) einer Sache oder Information erst dann, wenn sie verloren zu gehen droht oder verloren gegangen ist.”

“Zudem ist die individuell gefühlte Bedeutsamkeit durchaus nicht immer die tatsächliche Bedeutsamkeit für dieses Individuum – die angenommene Wichtigkeit hat jedoch einen Einfluss auf die tatsächliche, da erstere das Handeln des Individuums bestimmt.”

Ein Dokument ist für eine Suchanfrage (objektiv) relevant,

  • wenn es objektiv zur Vorbereitung einer Entscheidung dient
  • wenn es objektiv eine Wissenslücke schließt

  • wenn es objektiv eine Frühwarnfunktion erfüllt.
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